|
Die VTA-Methode basiert auf einer biomechanisch fundierten
Sichtkontrolle. Nach einer Sichtkontrolle kann potenziell Problematisches verifiziert werden. Hierzu stehen praxiserprobte Verfahren für eingehende Untersuchungen zur Verfügung. Die wissenschaftlich sowie rechtlich
abgesicherten Grundlagen und Versagenskriterien für eine Beurteilung nach der VTA-Methode beruhen auf Naturbeobachtungen.
Die VTA-Methode ist ein seit vielen Jahren erprobtes und praxisgerechtes Verfahren,das den Zielen des Naturschutzes und des Rechtsfriedens dient, da
gefährliche von sicheren Bäumen unterschieden werden können und auch vorhersehbare von eben nicht vorhersehbaren Unfällen differenziert werden können.
Die
Visual Tree Assessment (VTA)- Methode wurde im Forschungszentrum Technik und Umwelt Karlsruhe entwickelt und ist ein international weit verbreitetes Bewertungsverfahren für eine
differenzierte Beurteilung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen.
Der erste und wichtigste Teil der Baumbeurteilung mit VTA ist die
biologisch und mechanisch fundierte Sichtkontrolle, unter Berücksichtigung aller wesentlichen Umfeldfaktoren (Windexposition, Wurzelraum, Bodenbedingungen, Bauwerke usw.).
Entsprechend dem
Axiom konstanter Spannung, nach dem ein Baum eine gleichmäßige Spannungsverteilung auf all seinen Oberflächen anstrebt und Sollbruchstellen zu vermeiden
trachtet, versucht er von Defekten verursachte Spannungserhöhungen durch verstärktes Dickenwachstum abzubauen („Reparaturwachstum“). Die auf diese Weise gebildeten
Veränderungen sind sichtbare Symptome, die als Warnsignale in der Körpersprache der Bäume auf die Schädigung hinweisen. Die VTA-Methode ordnet den Symptomen die verursachenden Defekte zu.
Diese Rückschlüsse wurden mehrfach abgesichert, in dem sie mithilfe computergestützter Verfahren rechnerisch nachgebildet und auch in Feldversuchen bestätigt wurden.
Werden bei der visuellen Baumkontrolle besorgniserregende Defektsymptome erkannt, wie z.B. Wülste, Beulen, Risse, Rindenstauchungen und Fruchtkörper holzzersetzender Pilze, erfolgt ggf. eine eingehende Untersuchung
zur Bestätigung und Bewertung des vermessenen Defekts mit Versagenskriterien nach dem VTA-Ablaufdiagramm:
1. Symptomerkennung - 2. Defektbestätigung
3. Defektvermessung - 4. Defektbewertung und ggf. Festlegung geeigneter Maßnahmen
Als Versagensmechanismus ausgehöhlter Stämme ist die Querschnittsverflachung weit bedeutsamer als der Biegebruch. Ein Versagenskriterium hierfür wurde bei einer weltweiten
Feldstudie an tausenden gebrochenen und stehenden Bäumen gefunden. Danach steigt das Versagensrisiko hohler Bäume an, wenn die gesunde Restwandstärke weniger als etwa 30% des Stammradius beträgt. Dieses
Versagenskriterium („30%-Regel“) wird als Richtlinie zur Bewertung von Schadensfällen von Gerichten häufig verwendet. Die VTA-Methode ist fester
Bestandteil der Rechtsprechung auf OLG-Ebene geworden, wurde auf BGH-Ebene bestätigt und ist in Standardwerken des Unfallhaftpflichtrechtes und der Verkehrssicherungspflicht aufgenommen worden.
Weitere Beurteilungskriterien, wie die Beurteilungshilfe zu mechanisch wirksamen Wurzelplatten und die Versagenskriterien zum H/D - Verhältnis für Bäume (kritische Schlankheit ab H/D 50) sowie für
Längen-Durchmesserverhältnisse der Äste (kritische Schlankheit ggf. ab etwa l/D 40), wurden durch weltweit durchgeführte Feldstudien abgesichert. Die
Versagenskriterien zur Schlankheit von Bäumen und Ästen haben ebenfalls Eingang in die Rechtsprechung gefunden.
Zur Voruntersuchung (Defektbestätigung) wird ggf. der IML-Microhammer,
ein Schallmessgerät, eingesetzt. Da Hölzer in defektfreiem Zustand charakteristische Ausbreitungsgeschwindigkeiten für Schall aufweisen (Weichhölzer ca. 900-1300 m/s, Harthölzer ca. 1300-1700 m/s), können
Schallgeschwindigkeitsmessungen als Indikatoren für innenliegende Defekte wie z.B. Höhlungen, Holzzersetzungen (außer Holzversprödungen, wie z.B. Moderfäule und frühe Braunfäule),
Nasskerne, Risse und eingeschlossene Rinde eingesetzt werden.
Ausgeprägte Defekte reduzieren die Schallgeschwindigkeit auf weniger als 70% der
charakteristischen Werte. Je Messung werden zwei Schrauben im Holz verankert, wobei auf einer ein Beschleunigungsaufnehmer (Sensor) montiert wird. Der Impuls wird durch einen Hammer, der
ebenfalls mit einem Sensor bestückt ist, in die Schlagschraube eingeleitet. Beide Sensoren sind mit einer Messeinheit verbunden, die die Laufzeit des Signals zwischen den beiden Schrauben
misst und daraus die zugehörige Schallgeschwindigkeit errechnet.
Zur Defektbestätigung und
-vermessung werden der IML-Resi M300 oder IML-Resi F400S eingesetzt. Dies sind baumschonende Holzdiagnosegeräte, die nach dem Bohrwiderstandsmessverfahren arbeiten. Sie dienen dem Auffinden
von Defekten und dem Vermessen von lokalen Defektzonen, wie Morschungen, Rissen und Fäulebereichen, bzw. von Restwandstärken. Eine dünne Bohrnadel dringt mit einem gleichmäßigen Vorschub in den
Holzkörper ein, wobei der auftretende Widerstand gemessen und als Messkurve aufgezeichnet wird.
Das Fractometer II ist ein feldtaugliches Prü fgerät für Holz, das in der Baumdiagnose und in der Holzforschung eingesetzt werden kann. Als
Prüfkörper werden Bohrkerne von 5 mm Durchmesser verwendet, die mit einem Zuwachsbohrer aus dem Holz gezogen werden. Es kann die radiale und tangentiale Biegefestigkeit sowie die axiale Druckfestigkeit
gemessen werden. Dies ermöglicht eine Holzfestigkeitsbestimmung mit sehr hoher lokaler Auflösung. Auf diese Weise ist eine genaue Bewertung der Holzqualität (Holzversprödung, Resttragfähigkeit,
altersbedingte Minderung, etc.) möglich. Zudem kann die visuelle Beurteilung eines Bohrkerns Informationen über Zuwachsraten, Fäuleabschottungsverhalten und Holzverfärbungen ( z.B. Nasskern, Verfärbungen nach
Wurzelschäden) ergeben.
Nach bisherigem internationalem Erkenntnisstand beeinträchtigen die „lokalen Verletzungen“, die in angemessenen und gebotenen Einsatz durch bohrende Messverfahren entstehen, weder
wesentlich die Stand- und Bruchsicherheit, noch die Mortalitätsrate von Bäumen. Adäquate Messbohrungen sind also insgesamt nicht gefährlich für den Baum.
|